Sich treiben lassen oder lieber nach Plan?

Ich habe mein Projekt gestartet. Ich will es unbedingt. Doch es fliesst nicht so, wie ich es will. Soll ich mich treiben lassen oder strickt an meinen Plan festhalten? Was braucht mein aktuelles Projekt wirklich? Ich will der Sache auf den Grund gehen.

Mein Projekt stockt und stolpert, was ist los?

Anfang Januar begann ich mit dem ersten eigenen Projekt nach meiner langen Erzähltheaterzeit. Ein cooler Neustart, ein Projekt mit aller Kraft meines Herzen auf dem Weg zu meinem wirklichen Glück als freie Künstlerin. Mein eigenes Illustrationsprojekt war geboren, zumindest schon mal im Herzen. Glückgefühle breiteten sich in allen Zellen meines Körpers aus, wenn ich nur daran dachte. Das Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr gespürt. Das wollte ich auch leben. JETZT.

Illustration Schwein Lilly

Nach der entschlossenen Entscheidung und den ersten Skizzen merke ich allerdings, dass es anders läuft, als ich gedacht hatte. Voll produktiv arbeitend wollte ich jetzt schon in meinem Projekt versunken sein. Ich wollte schon etwas wirklich Greifbares vorzeigen können. Zumindest eine Richtung auf dem Zeichenpapier sehen können und mich dabei glücklich fühlen. Doch es stockt, es klumpt, es fließt nicht. Es kommt soviel anderes in den Vordergrund, das zwar irgendwie im Ganzen zu meinem Projekt dazugehört, daß ich aber jetzt nicht gebrauchen kann.

Dazu kommen die vielen anderen Ideen, die wie in einem Karussell vor meinem inneren Auge vorbeifliegen. Von denen ich wenigstens einige kurz skizzierend festhalten muss, damit sie nicht für immer im Nirgendwo verschwinden. Das ist das Los einer phantasiereichen Künstlerin.

Geduld, alles kommt zum richtigen Zeitpunkt nach vorn, höre ich meine inneren Gedanken tuscheln. Ja, ich weiß. Okay, es ist ende Januar und ich will wissen, wie es genau mit meinem Vorhaben weitergehen soll. Was will mir das Wort Geduld sagen?

Mein großer Arbeitsplan war schnell verfasst, mit allem was dazu gehört. Ein riesiger Rucksack voll großzügiger Motivation stand in meinem Herzen bereit. Doch schon nach einem Monat überlege ich, ob ich es so, wie es jetzt läuft, zu einem glücklichen Projektende bringen werde. Denn nur darum geht es mir. Ich will mich glücklich fühlen mit meiner Kunst.

Also werde ich genau mein bisheriges Tun durchforsten und dabei noch einmal an den Anfang gehen. Den Ursprung, den Keim, das Zünden der Flamme, den Grund, den die Entscheidung zu diesem Projekt herbeiführte will ich noch einmal spüren. Daraus werde ich die treibende motivierende Kraft ziehen.

Geduld also, die Geduld sagt stopp, lass los, lass den Druck verfliegen, halte inne und schaue in deine Seele, dort liegt deine Kraft schön und strahlend. Alles was du brauchst ist in dir, nimm dir Zeit.

Blütenduft

Geduld ist nicht meine Stärke oder doch?

Nein, Geduld ist nicht meine Stärke. Ich bin spontan, ich will viele Ideen gleich umsetzten, am besten sofort. Doch wenn ich genauer hinschaue, ist es ganz anders. Es gibt rückblickend so viele Beispiele, in denen ich unendliche Geduld bewiesen habe. Ich kann auf zurückliegenen Projekte blicken, an denen ich erfolgreich über längere Zeit gearbeitet habe. Warum klappt es denn jetzt nicht? Liegt es an mir? Ist die Herausforderung zu hoch gegriffen? Will ich es zu perfekt? Woher kommt diese komische Enge, die mein Projekt schon am Anfang stocken lässt? Ich bin frei und kann machen, was mein Herz will. Und dort drinnen ist es hell und strahlend. Dort spüre ich mein Projekt fliessen. Also los, dann bitte auch im Außen!

Wenn ich mich in meinem Atelier umsehe, strahlt ein großes buntes Etwas von allen Seiten auf mich ein. Die bunten Figuren und Bilder, die zu meinem Erzähltheater gehören, fordern scheinbar eine ordentliche Verabschiedung oder eine Art liebevolle Danksagung. So kommt es mir jedenfalls vor. Dabei will ich sie nicht weghaben, nur etwas mehr in den Hintergrund.

Deshalb räume ich gerade mein Atelier um, dass ich focussiert malen kann. Es ist ein Umbruch im Gange, der allerdings Chaos herbeiführt. Es herrscht eine quirlige unruhige Energie im Atelier, die wie ein plumper Störenfried auf mein Herzensprojekt einwirkt. Aha, da habe ich es, es ist zu bunt um mich herum … das lenkt mich ab? Ist das wirklich so?

Oder ist es der Zeitpunkt, der ungünstig von mir gewählt worden war? In dem größten Wusel und der Entscheidung, mein Leben als Künstlerin zu verändern, zeitgleich mein Herzenprojekt zu starten? Sicher war das kontraproduktiv. Die Geduld meldet sich zustimmend, so fühlt es sich jedenfalls gerade an.

Also gut, noch einmal genau die Entscheidung verinnerlichen, die mich dazu brachte, mein Erzähltheater zu verabschieden, um mich frei zu machen für eigene neue Projekte. So kommt Klarheit und Ordnung im Innen und Außen, was für mich und meine Kreativität lebenswichtig ist.

Biggi Hopp Erzähltheater mit Figuren und Bildern
Biggi Hopp Erzähltheater lebendig bunt mit Figuren und Bildern

Das laute große bunte Ding will ich nicht mehr

Durch getroffene Entscheidungen können Berge einstürzen, Flüsse übers Ufer treten, Menschen aufschreien, plötzlich Angst und Mutlosigkeit auftauchen … kurz, die Entscheidung zur Veränderung kann in einem bis dahin geordneten Leben, ein großes Chaos anrichten. Und wenn ich von Flüssen und Bergen rede, dann sind das meine ersten Bilder, die sich als Metaphern vor meinem inneren Auge zeigen.

Der gedachte und gefühlte Wunsch, alles anders machen zu wollen, war so fein und glatt und weich eingebettet im Herzen, dass ich mich beim Wünschen noch sicher fühle. Doch ist die Veränderung wahrhaftig eingeleitet im echten Leben, kommt im wahrsten Sinne des Wortes ‚Leben in die Bude‘. Mit dem ersten Stein, der aus den Fugen gedrückt wird, beginnt sich ein Strubel der Veränderung in Bewegung zu setzten. Und war die Entscheidung aus tiefsten Herzen getroffen worden, dann ist auch nichts mehr aufzuhalten. Schon gar nicht ist es möglich, den Stein wieder zurück in die Fügen zu kloppen.

Erzähltheaterprogramm Biggi Hopp

Und was war es nun bei mir? Was hat sich verändert? Was wollte ich nicht mehr? Als Künstlerin mit aufwendigem Erzähltheater war ich viele Jahre zu Auftritten vor großem und kleinem Publikum unterwegs. Ich erfand Geschichen, Märchen Programme, malte Bilder, baute Figuren schneiderten Kostüme, alles um phantasievolle Vorstellungen für mein Publikum zu bieten. Es entwickelte sich ein großartiges lebendiges einmaliges buntes ‚DING‘.

Doch das Unwohlsein begann in der Zeit der Pandemie, als vieles was sonst lief, nicht mehr umzusetzten ging. Es war ein hin und her mit wechselnden Verordnungen, die keine feste Planung mehr zuließen. Es wuchsen grübelnde Gedanken, die sich zu Grübelteppichen entwickelten.

Ich fragte mich immer wieder, was ich tun könne und was ich persönlich wollte. Zu dieser Zeit hörte ich in einer Talkshow eine Schauspielerin über ihre feste Säule in ihrer eigenen Arbeit sprechen. Wenn sie die nicht hätte, würde sie im heutigen Alltag zerbrechen. Sie mache nur noch das, sie nehme nur noch Anfragen an, die sie wirklich von Herzen wollte.

Was wollte ich wirklich von Herzen? Ich dachte an mein Erzähltheater, dieses große bunte DING und hätte doch glücklich dabei rufen können: Ich habe mein Erzähltheater! Doch ich war traurig. Warum war ich nicht glücklich, wenn ich daran dachte? Ist es nicht meine stärkende Säule? Was war es dann?

Eines Morgens wachte ich auf und sah in Gedanken eine Frau leichtfüssig flatternd durch den Wind mit dem Fahrrad fahren. Ich lag im Bett und musste lachen, richtig lachen, dass mein Hund Max aufhorchte und auf mein Bett sprang. Ich spürte eine unbeschreibliche Leichtigkeit. Und diese wollte ich leben, im echten Leben, nicht nur früh morgens für ein paar Minuten beim Aufwachen. Ich wollte diese Frau mit dem Fahrrad im Wind sein.

Meine stärkende Säule ist die freie Kreativität

Und da ist sie, meine Säule, an der ich mich festhalten kann. Es ist meine Kreativität. Doch sie stärkt mich nur, wenn ich sie frei und ohne Einengung ausleben kann. Zu erkennen, dass ich mit meinem Erzähltheater, meine Kreativität vollkommen gebündelt in Richtung Publikum gesteuert hatte, war wie eine Erleuchtung. So wie es die ganzen Jahre lief, war es schön und wurde geliebt, doch das wirkliche leichte Glück spürte ich dabei nicht.

Ich erkannte, dass ich den Mut haben muss, mich von all dem Gepäck zu befreien. Ich wußte, dass ich nur glücklich werden kann, wenn ich leichtfüssig unterwegs bin. Alles hat seine Zeit, alles wird einmal beendet. Es wird Platz frei für neues . Und da ist es wieder, das starke muntere Gefühl, die Freude auf mein Illustrationsprojekt und wer weiß, auf welche Weise ich in der Zukunft meine Geschichten erzählen werde.

Hast du mich gerade aufatmen hören?

Fahrrad fahren im Wind

Fazit

Weiß ich JETZT, warum mein Projekt im Moment nicht fließen kann und was es wirklich braucht?

Ich weiß zumindest, dass die Fragen, die ich eingangs stellte und mit diesem Text zu beantworten suchte, irgendwie verschwunden sind. Soll ich mich treiben lassen oder nach Plan arbeiten, diese Fragen stellen sich gar nicht mehr.

Das ist sehr erheiternd und irgendwie bezaubernd, was das Schreiben bewirken kann. Es schafft Klarheit und bringt Ordung in die Gedanken. Toll!

Ich weiß jetzt ganz genau, warum ich dieses Projekt begonnen habe. Ich weiß, dass mein Illustrationsprojekt so wertvoll ist, dass ich den ‚richtigen‘ Start nur um ein paar Wochen verschieben werde. Ich werde ganz entspannt neu starten. Ich weiß, dass die Geduld eine intelligente Freundin ist und ich mit ihr etwas mehr Zeit verbringen werde. Große Veränderungen brauchen eben mehr Aufmerksamkeit, um aufgewühlte Energie wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Vor allem weiß ich, wo meine Kraft und Motivation sitzen und dass ich das Zeug dazu habe, mich richtig glücklich mit meiner Kunst zu fühlen. Was für ein großes Glück!

Vielen Dank, dass du mir bis hier gefolgt bist.

Herzlichst Biggi

8 Kommentare zu „Sich treiben lassen oder lieber nach Plan?

    1. Liebe Gabriele, ich danke dir von Herzen, dass du meinen Beitrag gelesen hast und freue mich über deine Worte, weil es mir zeigt, dass kreative Künstlerseelen mitunter ähnlich empfinden und von ähnliche Fragen getrieben werden und so auch in gewisser Weise verbunden sind.

      Ebenfalls für dich alles Liebe
      Biggi.

  1. Ich kann deine Schilderungen so gut nachvollziehen und finde mich in deinen Zeilen wieder.
    Zum Treiben braucht es ruhige Wasser 😊 und das Loslassen braucht ZeitRäume, in denen sortiert und befunden wird. Dann finden sich auch die Plätze und Rückzugsorte für das was bleibt.
    Viel Freude und Erfolge dabei. ✨

    1. Liebe Regina, sehr schön sind deine Worte und laden mich ein in Gedanke n mit dir an einem großen Holztisch im Freien zu sitzen mit einem Pott Kaffee in der Hand und plaudern über das Treiben im ruhigen Wasser, Loslassen … Zeiträume … und mehr… herzlichen Dank.
      Biggi 🙂

  2. Ich folgte dir auch bis zum Ende und finde es toll, wie du nach Antworten suchst. Es sind die Fragen, die wir kreativ in die Tiefe gehenden Leute uns alle stellen. Das „oder“ können wir untern Tisch fallen lassen. es ist sowohl als auch. Mit einem Herzensplan treiben lassen und dabei immer wieder in Stille hören, welche Nachrichten von Innen kommen. Ich bin seit September an zwei Büchern, die außerordentlich werden wollen. Es ruht zeitweise, dann lass ich es ruhen, trage das Baby aber immer mit mir. Dann steigt auf einmal wieder etwas nach oben. Ideen, auch Gespräche mit anderen darüber. Ich habe beide Bücher schon als Andrucke vor mir. Bin stolz darauf und habe schon Staunen geerntet. Das wird was Großes. Im nächsten Jahr möchte ich damit auf die Buchmesse gehen. Weiter so, liebe Birgit und eine gute Mischung aus Un- und Geduld. LG Christine

    1. Liebe Christine … wir die kreativ in die Tiefe gehenden Leute, ach da muss ich aufatmen, ja genau das sind wir. Danke für deine Worte und dein Erzählen über deine Projekte, Bücher, Buchmesse, wow, das klingt sooo großartig! Ich wünsche dir ebenso viele Freude und gute Herzstimmungen an der See bei deiner Arbeit und beim Leben.
      Liebe Grüße Biggi

  3. Liebe Biggi, sehr gut geschrieben, ich bin zwar keine Künstlerin, aber auch ich merke seit der Pandemie das ich öfter unzufrieden bin, dann frage ich mich auch oftmals liegt es daran das ich nicht genug motiviert bin oder antriebslos bin oder man oft in seiner Spontanität gestoppt wird.
    Wir kennen uns jetzt schon seit der Kindheit und ich würde sagen versuche nicht nach Plan zu arbeiten, du bist die Spontanität und ich liebe deine Kunst
    Ganz liebe Grüße

    1. Liebe Conny, ich freue mich sehr, dass du meinen Beitrag gelesen hast und ich danke dir ganz herzlich für deine Worte … besonders für deinen letzten Satz mit der Spontanität. Ich wünsche dir ebenfalls, dass du motiviert und positiv bleibst… aber das bist du ja…. alles Liebe für dich.

      Herzlichst Biggi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.