Augenzwinkernde Möwen am Wimarer Hafen

Ich erzähle dir hier nicht ausführlich von meinem gerade zu Ende gegangenen Urlaub in meiner Heimatstadt Wismar an der Ostsee oder von gesammelten Inspirationen für meine neuen Kunstwerke. Doch eine kleine Begebenheit am Hafen, die muss ich unbedingt erzählen und dir auch gleich eine Frage stellen: Können Möwen zwinkern?

Ich meine so, wie ein Mensch zwinkern kann. Zwinkern mit einem kleinen spielerischen Beigeschmack, der dich amüsant in die Schwebe hebt und dort hält – für einen kurzen Moment. Ein Mensch kann dich anschauen und das eine Auge blitzschnell für einen Bruchteil einer Sekunde zusammenkneifen und dann ganz normal weiterschauen. Vielleicht auch noch ein wenig lächeln danach und dann ist das Schauspiel schon vorbei.

Kann eine Möwe zwinkern? Kann sie bewusst, um jemanden vielleicht amüsieren oder aufheitern zu wollen, mit dem einen Auge zwinkern? Und auch noch etwas lächeln, so ein bisschen neben dem Schnabel?

Augenzwinkernde Möwe am Hafen in Wismar von der Künstlerin Biggi Hopp fotografiert

Nein? Jetzt denkst du, das kann eine Möwe auf keinen Fall.

Und das ist gerade der Punkt meiner Überlegungen. Welche Wahrheit gilt? Oder besser gefragt, muss es nur eine einzige Wahrheit geben? Ich weiß, daß für viele eine Möwe nicht zwinkern kann, natürlich nicht. Genauso wenig, wie durch das Laufen eines kleinen Zwerges auf einem schneebedeckten Dach das Dach einstürzen kann. Wenn es einstürzt, bricht es durch die schwere Schnee- und Eismasse herunter. Logisch! – nicht durch kleine Zwergenfüßchen.

Oder, könnten so etwas vielleicht doch kleine Zwerge vollbringen, die ein bisschen zu sehr im Schnee auf dem Dach herumtrampeln? Ich weiß, ich bin 61, ich müsste logisch und vernünftig denken, und trotzdem lässt mein Gehirn auch sehr lustvoll und mit wohlwollender Phantasie andere Möglichkeiten vor meinem inneren Auge ablaufen. Doch weg von den Zwergen und hin zu den Möwen. Kann eine Möwe dir zuzwinkern?

Ich erzähl dir was.

Wenn ich am Hafen in Wismar sitze, alleine oder in lieber Familienrunde, dann bin ich absolut entspannt und freue mich zu spüren, wie das ganze Drumherum mich herzlich und liebevoll einhüllt. Die typischen Geräusche am Hafen, die Menschen, die Einheimischen und die Urlauber, die Bedienung, die uns den Kaffee bringt, der Wind, das Wasser und die Möwen. Die Möwen! Das Kreischen der Möwen zu hören, ist wie der Ruf in die Kindheit für mich. Es ist der Beweis, ja ich bin in meiner Heimat. Und dann tauchen einfach nur noch munter plätschernde Wellen auf und spülen Phantasie und Freude in die Seele.

Die Ostsee phantasievoll fotografiert von der Künstlerin Biggi Hopp zum Malen in ihrem Atelier in St.Egidien

Das war geschehen:

Wir saßen draußen am Hafen in einem Eiscafé, auf dem Tisch standen unsere Tassen Kaffee. Während sich die anderen unterhielten, ließ ich meine Gedanken los und fühlte mich unendlich wohl. Das schien eine Möwe zu spüren. Sie stolzierte um alle Tische herum. Sie war riesengroß. Überhaupt empfand ich alle Möwen, die gerade am Hafen herumliefen, ziemlich groß. Ich musste schmunzelnd an meine Geschichte mit Isabella Blauauge von der Inselschule und den 60 Klopsen denken. Möwen stahlen in der Nacht viele Klopse, die zum Abkühlen in großen Pfannen an das offene Fenster gestellt wurden. 60 Klopse hatte Isabella mit ihren Freunden für das bevorstehende Sommerfest braten müssen.

Ich schaute auf diese große Möwe und dachte: Ja, das kann ich mir gut vorstellen, du dicke Möwe hast bestimmt auch schon einmal 10 Klopse verspeist. Da schaute mich die Möwe an und zwinkerte mir doch tatsächlich zu. Als meine Augen groß wurden, schien sie noch einen draufzusetzen zu wollen und lächelte mich an – ein ganz klein bisschen, irgendwie mit dem Schnabel. Erstaunt und etwas irritiert schaute ich zu den anderen am Tisch, ob sie es gesehen hätten. Doch sie unterhielten sich weich und entspannt. Als ich wieder in Richtung Möwe schaute, war sie verschwunden, das war ja klar. Und auf Wunsch hätte sie sicherlich auch nicht noch einmal für mich als Beweis gezwinkert. Doch genau in die Richtung, in die ich schaute, saß jetzt ein Mann. Er sah aus wie ein typischer Fremder. Ich meine fremd in Hinblick auf seine Kleidung. Vielleicht ein Seemann, wie ich mir früher als Kind einen Seeman am Hafen vorgestellt hatte. Er schmunzelte mich an. Und es war ein eindeutig zustimmendes Schmunzeln, das mir verriet: ja, er hatte die augenzwinkernde Möwe auch gesehen. Und damit wusste ich es.

Ja, Möwen können bewußt zwinkern.

Die Möwen kreischten und schrien weiter am Hafen. Ich versuchte, als wir gingen, noch einmal angestrengt zu schauen, welche Möwe es gewesen sein könnte, die mir das so schmunzelnd zugezwinkert hatte. Aber vergebens. Es deutete nichts bei den fliegenden Möwen daraufhin, dass eine von ihnen irgendwie mit mir in Kontakt gestanden hatte.

Ob Möwen nun für dich und für andere Menschen zwinkern können, ist eindeutig eine Frage der Zeit. Wenn du dafür bereit bist, wird dir eine Möwe zuzwinkern. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt und du wirst einen spürbar amüsanten und erhabenen Moment erleben. Viel Glück!

Danke für das Lesen meines Textes.

Liebe Grüße Biggi